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Tania Araujo: Allianzen zwischen umkämpften Territorien und erkämpften Solidaritäten

Allianzen zwischen umkämpften Territorien und erkämpften Solidaritäten
[Tania Araujo]

Das Feld der Kunst und Kulturarbeit ist eine Arena der Bedeutungskämpfe. maiz, FIFTITU% und Peligro haben sich zusammengeschlossen, um die am 8. März 2013 begonnene,politisch bedeutsame Allianz mit neuen Impulsen, verstärkt und öffentlich mit gemeinsamen und differenten Politiken fortzuführen.
In 12 Monaten werden Solidarisierungsmomente und Bündnisbildung von Personen und Gruppen unterschiedlicher Herkünfte, Geschichten, Geschlechter und sexueller Orientierungen stattfinden. Im Rahmen des mobilen Symposiums „Anthropophagische Allianzen“, von 12 Treffen zur Vernetzung und eines eintägigen feministischen Territoriums „Feminismus und Krawall“ schaffen wir Räume des politischen Kampfes und von Verhandlungen zu Fragen nach Möglichkeiten der Verankerung von egalitären, nicht-sexistischen, nicht-antisemitischen, nicht-rassistischen und nicht-homophoben Strukturen im Bereich Freie Szene Linz, Formen der gleichberechtigten Zusammenarbeit und danach wie wir in der Praxis mit Differenzen um gehen, können ohne diese zu naturalisieren und festzuschreiben?

1.4  Theoretische Annäherung

Das Politische ist,  laut Jacques Ranciere, ein Prozess, in dem es um Aktualisierung des Gleichheitsprinzips geht.[1] Vorangetrieben werden kann diese Aktualisierung nur in einem Dissens. Das Politische entsteht nach Ranciere dort, wo Orte und Formen der Begegnung und Auseinandersetzung zwischen den hegemonialen Prozeduren der Distribution von Positionen, Funktionen und Legitimationen auf der einen Seite und dem Prozess der Infragestellung dieser Distributionen auf Basis der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen auf der anderen Seite, geschaffen werden.

Wie entsteht Politik? Laut Bratic „Sie entsteht durch die Bestrebungen der Anteilslosen, Teile des gesellschaftlichen Dispositivs umzuformen, damit ihre Stimme nicht mehr als Lärm, sondern als rationale Argumentation wahrgenommen wird. Sie entsteht in  einem grundsätzlichen Dissens und existiert nur solange es diesen gibt. Bekannter ist dieses Phänomen unter dem Namen „soziale Kämpfe“. Diese werden nur dann wahrgenommen, wenn sie die Funktion der Gesellschaft beeinträchtigen. Solange das nicht der Fall ist, existieren die sozialen Kämpfe im Verborgenen. Die politische antirassistische Szene spricht in diesem Fall von der Notwendigkeit, diese Kämpfe und deren Permanenz zu „ent-decken“. [2]
Die Politik beruht auf dem Prinzip der Gleichheit. Die Anteilslosen sind in dieser Welt nicht mehr außerhalb. Vielleicht noch mehr als das: Sie wissen es. Sie wissen, dass sie ein Unrecht erhalten, indem sie die Strukturen der Ungleichheit leben. Das ist ein Punkt, wo die Allianzen diverser an der Politik interessierter Subjekte sich von selbst herstellen. Nicht die Grenze ist die Definitionsachse, sondern deren Infragestellung. Insofern handeln alle, die den Standpunkt der Aufhebung der Grenzen vertreten.
Die politischen Tätigkeiten dürfen niemals paternalistische sein. Diese Art der Betätigung verletzt das Prinzip der Gleichheit und ist insofern ein Teil des herrschenden Mechanismus der Verwaltung. Sie ist ein Bestandteil einer die Ungleichheit verdeckenden Territorialisierungslinie. Diese zu durchbrechen ist die Intention der Allianz.  Ein Einsatz für Gleichheit ist die Voraussetzung für jede politische Tätigkeit. Es geht um eine Gleichheit, die die Ungerechtigkeit beseitigt.
„Ziel der Politik ist die Gesellschaft als Ganzes und nicht ihre Teile. Es geht um die Erweiterung der Teilnahme an diesem Ganzen. Das ist die Form, von der aus die Instrumentarien für politisch Handelnde definiert werden. Diese Instrumente haben eine zweifache Funktion.  Erstens nach außen bestimmte, von anderen abgrenzbare Tätigkeitsräume zu schaffen und zweitens nach innen, diejenigen Werkzeuge zu schaffen, die diverse Selbst-Praxen der Gruppen intensivieren und somit eine bestimmte Subjektivität (die der politisch Handelnden) konkretisieren.“ [3]

Allianzenbildung
Allianzenbildung bedeutet eine „kurzfristige Parallelisierung von Interessen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen ohne Moralisierungstendenz, die eine bestimmte Funktion im politischen Feld hat, und zwar jene der Verdeckung der Konfliktlinien.“ Der Allianzgedanke im Sinne des politischen Antirassismus knüpft an den Gedanken des allgemeinen Dissens in unserer Gesellschaft an und begreift sich als eine neue Form der Auseinandersetzung im politischen Feld.

Ziel der Allianzenbildung
„Das Streben nach Allianzenbildung fußt auf der Annahme, dass im Rahmen bestimmter gesellschaftlicher Situationen Parallelisierungen der Interessen notwendig sind, um die aus der Gemeinsamkeit entstandenen Potenziale optimal nutzen und gemeinsame Machtpositionen stärker fördern zu können. Dabei ist an jene Interaktionen im politischen Feld gedacht, die das Ziel verfolgen, bestimmte politische Subjekte im Rahmen einer Konfrontationsstellung zu einem zu bekämpfenden Gegenüber auf einer bestimmten Seite zu positionieren. Es soll die eigene, aber auch die Position der AllianzpartnerInnen gestärkt werden.“ [4]
Ziel dieses Vorgangs ist es, die Asymmetrien in den Machtbeziehungen neu zu verteilen. In der Praxis handelt es sich dabei um keine geregelten und kontinuierlichen Prozesse, die der Notwendigkeit der geplanten Interaktionen der jeweiligen PartnerInnen in langfristigen Prozessen entsprechen. Vielmehr handelt es sich um temporäre Parallelisierungen, die je nach Geschick, Konjunktur und Konstellation mehr oder weniger brüchig sind.
Es geht  um Chancen und Grenzen einer Zusammenarbeit unterschiedlich positionierter gesellschaftlicher AkteurInnen und einer Überschneidung unterschiedlicher Praxisfelder.

AkteurInnen der Allianz
Kooperationen zwischen Personen und Gruppen, die in einer hierarchischen Gesellschaft unterschiedlichen sozialen, politischen und ökonomischen Status und demnach auch unterschiedlichen Zugang zu Rechten, Ressourcen und Profiten haben, sind sehr fragile Gebilde. „Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie sind nicht nur Ausdruck von Haltungen oder Handlungen Einzelner. Sie sind historisch gewachsene, globale und lokale Strukturen, die alle Bereiche der Gesellschaft durchziehen und ihre Wirkung auch oft erst in der Verknüpfung und Überschneidung einzelner Diskriminierungsachsen entfalten. Es gibt kein Außerhalb dieser Strukturen. Auch nicht für kleine engagierte Projekte oder Kontexte. Denn diese werden, wenn auch in anderer Weise als die dominanten Zusammenhänge, von den gleichen Asymmetrien, Ein- und Ausschlussmechanismen bestimmt.“ [5] 

Selbstdefinition als Migrantinnen
Die Bezeichnung MigrantInnen, wird von maiz benutzt, in Anlehnung an eine Definition von FeMigra[6] als ein Gegenentwurf, als die Bezeichnung eines oppositionellen Standorts, der sich als eine Bestimmung der eigenen politischen Identität konstituiert. Es handelt sich also um eine strategisch konstruierte Identität, die im Einklang mit Gayatri Spivaks Definition von „strategischem Essenzialismus“ nicht isoliert von ihrer strategischen Bedeutung angewendet werden soll. Die Forderung nach Selbstvertretung, die politisch organisierte MigrantInnen formulieren, steht also nicht im Zusammenhang mit einer Position, die die Vertretung von migrantischen Anliegen durch Mehrheitsangehörige unbedingt ausschließen würde. Vielmehr entsteht diese Forderung aus der Erfahrung, nicht als Subjekt wahrgenommen zu werden. Das heißt, die Konstruktion einer MigrantInnen-Identität sehen wir als eine Strategie im Kampf um die Realisierung gleichberechtigter Partizipation im europäischen Territorium und als Strategie um die Veränderung, bzw. den Abbau von Strukturen des Ausschlusses. Die Zusammenarbeit und die Bildung von Allianzen mit Mehrheitsangehörigen sollen als weitere Strategien im Rahmen dieses politischen Agierens gesehen, reflektiert, analysiert, evaluiert und adaptiert werden.

Diese Bezeichnung „Mehrheitsangehörige“ lehnt sich ebenfalls an eine von FeMigra angewendete Definition an: „Wir beziehen uns hier auf den Hilfsbegriff, den Gotlinde Magiriba Lwanga (1993) vorgeschlagen hat, um Aufzählungen wie weiß, deutsch, christlich, säkularisiert usw. zu vermeiden, die wieder nur ein Nebeneinander suggerieren und die Betonung mehr auf die soziale Position (der Mehrheit oder der Minderheit angehörig) zu legen.“ [7]

Das Feld der Kunst und Kulturarbeit ist eine Arena der Bedeutungskämpfe. Nicht nur strukturelle Barrieren produzieren  Ausschluss, sondern insbesondere auch Diskurse und soziale Distributions- sowie Distinktionsmechanismen innerhalb der hegemonialen kulturellen Theorie/Praxis,  die sich in rassistischen Kategorisierungen und Ausschlüssen ausdrückt.
Das Projekt  basiert auf der Tatsache, dass „die herrschende Kultur/sozialen Gruppen ihre Vormachtstellung (Hegemonie) nicht nur mittels repressiver Staatsapparate durch setzen, sondern insbesondere durch die Bildung eines Konsens im Bereich des Diskursiven, das heißt der Kultur und Bildung. Ihre Vormachtstellung erreichen sie daher nicht nur aufgrund ihrer ökonomischen, politischen und militärischen Einflussnahme, sondern insbesondere durch ihre Definitionsmacht als WissensproduzentInnen.“ [8]

Die SOMs  (Selbstorganisationen von MigrantInnen)  weisen auf die Tatsache hin, dass die NGOs und KIs selbst die Player im Spiel des Rassismus, Distributions-Distinktionsmechanismen, Anti-Demokratie und Ausgrenzung seien, in dem die Organisationen des Kulturfeldes, und auch Positionen der Freie Szene, eine keineswegs unschuldige Rolle spielen.
Die systematische Einbeziehung und kritische Reflexion der sozialen Situierung und des Verhältnisses von Rassismus und Machtdefinition im Kulturbereich ist dringend notwendig, um Macht- und Herrschaftsformen verstehen und verändern zu können.
Thematischer Ausgangspunkt  ist die Frage, wie die gesellschaftlich bestimmten und zugeteilten Positionen, wie  die der MigrantIn oder die der MehrheitsösterreicherIn, das Denken, Sprechen und Handeln in einem spezifischen Kontext, wie dem Kunst- und Kulturbereich, beeinflussen. Uns  interessiert, wie die Differenzen und Machtunterschiede zwischen den unterschiedlichen AkteurInnen in gesellschaftpolitisch engagierten Kunst- und Kulturprojekten eingeschätzt und dargestellt werden, und welche Strategien die AkteurInnen miteinander entwickelt haben, um strukturelle Diskriminierungen beeinspruchen und unterlaufen zu können.

Zum einen wollen wir uns wichtige Fragestellungen zum Thema einer möglichen Solidarisierung und Bündnisbildung von Personen und Gruppen unterschiedlicher Herkünfte, Geschichten, Geschlechter und sexueller Orientierungen herausgreifen und weiterentwickeln und wie die gesellschaftlich bestimmten und zugeteilten Positionen, wie etwa die der MigrantIn oder die der MehrheitsösterreicherIn, das Denken, Sprechen und Handeln in einem spezifischen Kontext, wie dem Kunst- und Kulturbereich, beeinflussen.
Und nicht zuletzt geht es uns darum, mögliche Schlussfolgerungen für die politische (Kultur) Arbeit zu ziehen und nach den Voraussetzungen zu fragen, die es braucht, damit antirassistische und antifaschistische queer-lesbisch-feministische Arbeit einen kulturellen Kontext wie Freie Szene Linz nicht nur streift, sondern ihn strukturell und nachhaltig prägt.
Zum anderen geht es darum, Solidarisierungsmomente zu ermöglichen und zu nützen, um gemeinsame Politiken bei aller Unterschiedlichkeit zwischen den einzelnen AkteurInnen zu entwerfen.

 

[1]                                Rancière,  Jacques. Zehn Thesen zur Politik, 2002
[2]                                Bratic,  Ljubomir.  Allianzenbildung, Soho in Ottakring , Wien, 2004
[3]                                  Bratic,  Ljubomir.  Allianzenbildung, Soho in Ottakring , Wien, 2004
[4]                                Bratic, Ljubomir. Kupf Zeitschrift, Linz, 2006
[5]                                Reitsamer,  Rosa und Jo, Schmeiser. Allianzenbildung, Soho in Ottakring , Wien, 2004
[6]                                FeMigra (Feministische Migrantinnen, Frankfurt): Wir, die Seiltänzerinnen. Politische Strategien von Migrantinnen gegen Ethnisierung und Assimilation. In: Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik, Cornelia Eichhorn/Sabine Grimm (Hg.), Berlin 1994.
[7]                                FeMigra : s. 63
[8]                                Gutiérrez Rodríguez,  Encarnación. Über die Schwierigkeit, nicht different zu sein oder Gegen-Kultur als Zurichtung, eipcp, Wien,  10,  2000

 

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